Eintrag vom 2. November 2006:

Der Wahnsinn in Tonnen


Es war einmal in einer kleinen Gemeinde zwischen Braunschweig und Hannover. Alle waren glücklich und zufrieden. Denn die Entsorgung des Mülls war geregelt und funktionierte schon seit Jahren tadellos. Da gab es die graue Tonne für den Hausmüll, die grüne Tonne für den Biomüll, gelbe Säcke für Plastikmüll mit dem grünen Punkt, sowie zahlreiche „Wertstoffinseln“ für Altpapier, Altglas und Altkleider. Sperriges Altpapier wurde sogar, ebenso wie die Großmengen der Gewerbetreibenden, alle vier Wochen gesondert abgeholt (die sogenannte „Bündelabholung“).

Abgesehen also von gelegentlichen Beschwerden der Anwohner dieser Wertstoffinseln über lärmenden Einwurf von Altglas zur Unzeit ein wahres Idyll. Doch der Wahnsinn nahte schon in Form des Amts für Abfallwirtschaft, welches einfach nicht zusehen konnte, wie reibungslos die Entsorgung vonstatten ging. Eine Änderung musste her! Also setzte man sich zusammen und ließ die Köpfe rauchen.

Als erster Vorbote des Grauens erschien vor einigen Wochen ein Artikel in der Zeitung. Man habe beschlossen, alles besser zu machen, und deshalb sei „angedacht“, die Altpapierentsorgung umzustellen. Eine Altpapiertonne für jeden Haushalt müsse her! Ein Anflug des Entsetzens erfasste die Einwohner der idyllischen Gemeinde, doch schon bald kehrte wieder Ruhe ein, und der Artikel war fast vergessen.

Doch die Helden des Amts für Abfallwirtschaft, die Verbesserer unseres Müllalltags, die weder (gebührenfinanzierte) Kosten noch Mühen scheuen, um unser Leben so angenehm mit möglich zu machen, vergaßen nicht. Sie ruhten keinen Augenblick, und setzten ihren Plan mit großem Einsatz in die Tat um. Natürlich wurde keiner der über 30.000 betroffenen Einwohnern vorher gefragt, ob er dies wünscht. Denn wie sollten wir kleinen Bürger die wahre Größe dieses genialen Plans erfassen?

So kam es, wie es kommen musste. Die Lakaien des Amts für Abfallwirtschaft brachen über die Gemeinde herein und stellten jedem Haushalt eine gigantische, 240 Liter fassende Altpapiertonne vor die Tür. Das macht bei 30.000 Einwohnern einige tausend Stück. Ihren genialen Plan preisend, steckten sie in jede Tonne einen Zettel, der so ganz nebenbei darauf hinwies, dass die Bündelabholung ab sofort ausbleibe, und die Altpapiercontainer in den Wertstoffinseln (da sie ja nun nicht mehr benötigt würden) nach und nach abgebaut werden sollen.

Dummerweise sind die Bürger aber nicht bereit, diesen Blödsinn mitzumachen. Denn schon wenige Tage, nachdem die Altpapiertonnen überall auftauchten, durften die Lakaien Hunderte dieser Tonnen wieder abholen, und sie sind noch immer unterwegs. Niemand möchte sie. Denn wer hat schon Lust, sich noch eine dritte, riesige Tonne auf sein Grundstück zu stellen?

So werden also hunderte, wenn nicht tausende Tonnen irgendwo in einer Lagerhalle vor sich hin rotten. Tonnen, die für zigtausende Euro auf Kosten der Bürger angeschafft wurden, die sie gar nicht möchten. Und die, wie ich selbst erleben durfte, auch noch so bescheuert gestaltet sind, dass sich das Regenwasser auf dem Deckel sammelt und beim Öffnen desselben unweigerlich in die Tonne hineinläuft. Wirklich genial, liebes Amt!

©2006 Stefan Malz