Eintrag vom 15. Dezember 2006:

Das Lehren lernen, um das Lernen zu lehren


Ich erinnere mich gerne an meine Schulzeit, vor allem an die ersten Jahren. Zwar sind die Erinnerungen nur verschwommen und bruchstückhaft, aber insgesamt bleibt doch ein sehr positiver Eindruck. Schule machte Spaß, und anscheinend auch Sinn. Die Lehrer hatten vormittags Recht und nachmittags frei. Nun war es vor gut einem Jahr soweit: Auch mein Sohn kam in die Schule. Schon seit langer Zeit hatte er diesem Zeitpunkt freudig entgegengefiebert, denn er wollte endlich Lesen und Schreiben lernen. Rechnen konnte er sowieso schon, wollte aber auch dort noch dazulernen.

Der großen Vorfreude folgte schnell die Ernüchterung: Tagelang wurde nur gemalt und geredet. Jeden Tag kam er enttäuschter nach Hause. Zwei Wochen lang wurde effektiv nichts gelernt. Wir beruhigten ihn (und uns) damit, dass die Lehrerin erst einmal alle Kinder kennenlernen und deren Wissenstand erfahren wollte. Doch langsam war seine Geduld am Ende – es fehlte jede Herausforderung.

Das ganze erste Schuljahr ging es so langsam weiter. Noch nicht einmal alle Buchstaben des Alphabets wurden behandelt, und auch das Lesen wurde kaum geübt. Immerhin war mein Sohn zum Ende des ersten Schuljahres in der Lage, selbständig zu lesen und (abgesehen von der Rechtschreibung) alles zu schreiben, was notwendig war. Na gut, dachten wir uns, das lässt sich ja im zweiten Schuljahr noch vertiefen.

Falsch gedacht! Denn anstatt das bisher Behandelte (nämlich die Druckschrift) zu vertiefen, wurde wieder bei Null angefangen: Diesmal musste es die (völlig überflüssige) „vereinfachte Ausgangsschrift“ sein. Und es wurde nicht mehr mit Bleistift, sondern mit einem Tintenroller gearbeitet. Letzteres kann ich ja noch verstehen, aber warum bitte müssen unsere Kinder heutzutage, wo längere Texte sowieso am Computer entstehen, noch so etwas Sinnloses wie die „vereinfachte Ausgangsschrift“ lernen? Nicht nur, dass Druckschrift leichter zu schreiben und zu lesen ist, die völlig verkorkste neue Schreibschrift sieht auch noch schrecklich aus!

Doch damit nicht genug – kaum hatten sich die Kinder vom Bleistift auf den Tintenroller umgewöhnt, und konnten die meisten Buchstaben in dieser komischen Schrift schreiben, sollte jetzt auch noch ein Füller (pardon: Füllfederhalter) angeschafft werden. Dies bedeutet die zweite Umstellung der Schreibhaltung, und ist nun wirklich ein Relikt aus der Steinzeit. Es gibt wesentlich bessere Schreibgeräte als den Füllfederhalter, und das Schriftbild mit einem Tintenroller oder einem guten Kugelschreiber ist um Welten klarer als beim Füller. Von der Kleckserei, die manche Füller anrichten, mal ganz abgesehen. Fehlt eigentlich nur noch, dass Schulhefte wieder durch Schiefertafeln ersetzt werden!

Ernsthaft: gibt es nicht viel wichtigere Dinge, die wir unseren Kindern beibringen (lassen) können, als zwei Schriften und drei Schreibhaltungen? Ich denke, unsere Lehrer sollten dringend mal lernen, was es zu lehren lohnt...

©2006 Stefan Malz