Eintrag vom 29. Juni 2007:

Allmorgendlicher Dosenfisch


Seit einigen Jahren wohne ich nun schon nicht mehr in der Stadt, in der unser Büro liegt, sondern in einem kleinen Ort in deren Nähe. Ruhiger ist es dort, geruhsamer, geradezu idyllisch. Fern ab von jeder Hektik lässt es sich dort sehr angenehm leben. Nur einen Nachteil hat das Ganze: Ich wurde „Pendler“. Da ich es aus ökologischen wie ökonomischen Gründen ablehne, jeden Tag eine Tonne Blech und Plastik 15 km hin- und herzuwuchten, musste ich mich in die Fänge des öffentlichen Nahverkehrs begeben.

Im Prinzip habe ich nichts dagegen. Denn die kurze Fahrt gibt einem morgens Zeit, um sich aufs Tagesgeschäft geistig vorzubereiten, und schafft abends Luft, um wieder zur Ruhe zu kommen. Und man trifft Bekannte und führt anregende Gespräche. Doch leider scheinen sich die Betreiber unserer öffentlichen Nahverkehrsbetriebe in den Kopf gesetzt zu haben, die Geduld der Pendler immer weiter herauszufordern. Noch bin ich nicht sicher, ob es eher ein makabres psychologisches Experiment, ein Zeichen bloßer Zuschaustellung von Macht über den „schwachen“ Pendler, schlichtes Desinteresse oder absolute Unfähigkeit ist.

Als ich begann, regelmäßig die Strecke zurückzulegen, dauerte der Weg von Tür zu Tür noch weniger als 30 Minuten - ohne Umsteigen. Das ganze in einem Bus, der zwar immer gut gefüllt, aber nie überfüllt war. Denn er fuhr oft genug. Mittlerweile, nach mehreren grundsätzlichen Änderungen an Routen und Fahrplänen, dauert der Weg von Tür zu Tür, wenn es wirklich perfekt läuft, 40 Minuten. Allerdings mit einmaligem Umsteigen, und genau dort liegt das Problem. Der Zug hat regelmäßig eine Verspätung von ein oder zwei Minuten, weshalb der optimale Anschluss schon weg ist. Schon sind es 45 Minuten. Oder gar 50 Minuten.

Und selbst wenn es „perfekt“ klappt, macht die Fahrt wirklich keinen Spaß mehr. Denn die letzte Etappe erfolgt neuerdings als Fisch in der Dose. Denn die Verkehrsbetriebe haben fleißig das Streckennetz erweitert, ohne rechtzeitig neue Fahrzeuge zu ordern. Deshalb werden jetzt im dicksten Berufsverkehr uralte Straßenbahnen von 1974 und 1977 eingesetzt - kurze Fahrzeuge ohne Anhänger. Und das zu einer Zeit, wenn am Bahnhof mehrere stark frequentierte Regionalexpresse eintreffen. Das Ergebnis ist regelmäßig eine überfüllte Straßenbahn. Da wird gedrängelt und gequetscht, und Fahrgäste mit Kinderwagen oder gehbehinderte Menschen haben kaum eine Chance, die drei steilen Stufen in den engen Türen zu überwinden.

Bis Ende des Jahres sollen nun angeblich 12 neue Straßenbahnen in Betrieb genommen werden, und entsprechend alte Wagen ausgemustert werden. Doch wenn ich sehe, dass schon jetzt die neuen Wagen regelmäßig fast leer (da auf wenig genutzen Strecken) fahren, und die alten brechend voll sind, schaffen es die Planer bestimmt, noch ältere Wagen für „meine“ Linie aufzutreiben.

Damit der Schweiß im Sommer üppig fließt, und der Fisch in der Dose auch schön stinkt!

©2007 Stefan Malz