Eintrag vom 7. August 2007:

Kurz nach Mitternacht


Seit Beginn der Sommerferien haben wir es leider schriftlich: Ab der nächsten (der dritten) Klasse beginnt der Unterricht für unseren Sohn bereits morgens um 7.30 Uhr – also kurz nach Mitternacht! Da fühlte ich mich sofort an meinen Studienzeit erinnert, als die Vorlesungen um 8 Uhr morgens zu Recht als „Mitternachtsvorlesungen“ betitelt wurden. Sie zeichneten sich vor allem dadurch aus, dass niemand wirklich fit und aufnahmebereit für theoretische Ergüsse eines Dozenten war.

Nun wird es also auch meinen Sohn erwischen, und das schon in der Grundschule! Liest denn niemand in den zuständigen Stellen die Berichte über die viel erfolgreicheren Schulsysteme unserer europäischen Nachbarn, in denen kaum jemand vor 9 Uhr in die Schule geht? Und warum bitte werden die wissenschaftlichen Studien konsequent ignoriert, die belegen, dass vor allem Kinder und Jugendliche vor 9 Uhr morgens geistig gar nicht fit sind – weitestgehend unabhängig davon, wann sie am Abend zuvor ins Bett gegangen sind?

Das sieht mir mal wieder ganz stark nach einem Fall von „Das war schon immer so!“ aus. Nur nichts ändern, es könnte ja besser werden. Einerseits redet alles von der Ganztagsschule (was ich sehr unterstütze), aber andererseits sollen die Kinder schon morgens um 7.30 Uhr in der Schule sein. Wie passt das bitte zusammen?

Als ich in meiner Jugend für zwei Wochen in England war, konnte ich mit dortigen Schülern über ihr Schulsystem und ihre Meinung dazu sprechen. Die Schule begann erst um 9 Uhr und ging in der Regel bis 15 Uhr. In dieser Zeit gab es „normalen“ Unterricht, Projekte, Sport, Zeit für Hausarbeiten, und natürlich ein gemeinsames Mittagessen. Die Schüler kamen zwar teilweise erst um 16 Uhr nach Hause, aber dann konnten sie die Schule (mit wenigen Ausnahmen) bis zum nächsten Morgen vergessen, denn die Hausarbeiten waren bereits erledigt. Gemeinsame Aktivitäten mit den Mitschülern wurden groß geschrieben, Teamgeist war wichtig und wurde von Anfang an, unter anderem durch Schuluniformen und diverses Schulsportmannschaften, gefördert.

Bei uns hingegen wurschtelt jeder für sich herum. Stundenlanges, einsames Erledigen von Hausaufgaben zuhause findet kein Schüler toll. Und außer dem Zwangsschulsport, der noch nie wirklich prickelnd war, gibt es nichts, was den Teamgeist nachhaltig fördern könnte. Das Ergebnis werden frustrierte, vereinsamte Einzelkämpfer mit einem verkorksten Zeitgefühl sein, denen Designerklamotten wichtiger sind als alles andere.

Ich hoffe, dass ich zumindest meinen Sohn trotzdem irgendwie in die richtige Richtung lenken kann…

©2007 Stefan Malz