Eintrag vom 4. September 2007:

Pünktlichkeit ist eine Zier…


Angeblich sind wir Deutschen ein Volk, welches Tugenden wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit hoch hält. Doch leider kann ich davon derzeit kaum etwas spüren, und es wird immer schlimmer.

Da wäre zum einen der öffentliche Nahverkehr. Dieses Thema wird immerhin schon öffentlich diskutiert. Kaum ein Zug, kaum ein Bus, kaum eine Straßenbahn fährt wirklich pünktlich. Mit „pünktlich“ meine ich den klassichen „Dienst nach Vorschrift“! Wenn also die Abfahrt laut Fahrplan 8.41 Uhr sein soll, dann erwarte ich, dass sich das Gefährt keinesfalls vor 8.41 Uhr, aber auch nicht viel später als 8.41 Uhr in Bewegung setzt. Dabei hat es egal zu sein, wieviel los ist!

Aufgrund der engen Planung aller Fahrpläne ist dies allerdings kaum möglich. Zu Zeiten des Berufsverkehrs ist manchmal so viel los, dass allein das Ein- und Aussteigen mehrere Minuten dauern kann. Das müsste eigentlich bedeuten, dass der Bus oder die Bahn bereits entsprechend früher an der Haltestelle eintreffen muss (also z.B. um 8.39 Uhr), um pünktlich um 8.41 Uhr wieder abfahren zu können. Aber nein – zumeist wird mit „Ankunftszeit gleich Abfahrtszeit“ geplant. Das kann nicht funktionieren!

Ein etwas lockerer gesetzter Fahrplan würde hier einiges bewirken. Aber das trauen sich die Verantwortlichen nicht, da dann nominell die Fahrtzeit erhöht wird. Praktisch wäre dies natürlich nur eine Anpassung an die realen Zeiten, aber trotzdem wird davor zurückgeschreckt. Lieber werden chronische Verspätungen in Kauf genommen.

Doch nicht nur im Verkehr wird Pünktlichkeit nicht mehr ernst genommen. Auch in Funk und Fernsehen werden Zeiten bestenfalls noch als Richtlinien benutzt. Kaum eine Sendung fängt mehr genau zu der Zeit an, die im Programm angegeben ist. Einige Minuten früher oder später ist schon der Regelfall. Vor allem bei den Privatsendern, aber zunehmend auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern.

Da beginnt die Nachrichtensendung im Radio nicht um Punkt 8 Uhr, sondern schon zwei Minuten früher - prompt verpasst. Ein Bericht soll angeblich um 21.30 Uhr ausgestrahlt werden, beginnt aber ohne erkennbaren Grund (keine Programmänderung!) erst um 21.40 Uhr. Was soll dieser Blödsinn?

Ich habe das Gefühl, dass die Programmverantwortlichen entweder absolut unfähig sind, ein Programm im voraus exakt zu planen, oder uns ganz bewusst verarschen wollen. Denn wenn diese verlässliche Unpünktlichkeit absichtlich herbeigeführt wird, kann das eigentlich nur einem Zweck dienen: Eine mündige Planung des Fernsehgenusses zu verhindern.

Denn wenn Programmzeiten bestenfalls noch Richtwerte sind, ist eine bewusste, zielstrebige Auswahl von Einzelsendungen so gut wie unmöglich. So wird man gezwungen, neben den paar guten Sendungen auch noch eine unangenehm große Menge Müll drumherum zu sehen!

©2007 Stefan Malz