Eintrag vom 29. Mai 2008:

Verblödung durch Technik


Das ist eine zugegebenermaßen eine reißerische Überschrift. Aber meiner Meinung nach triftt sie durchaus zu.

Es wird viel über die (Nicht-)Qualität der Schulausbildung in Deutschland diskutiert, Stichworte wie PISA geistern noch immer durch die Presse. Im Bereich der Mathematik liegt Deutschland nur im Mittelfeld, weit hinter anderen Staaten wie Finnland, Japan und Kanada. Ich glaube, eine der Ursachen dafür gefunden zu haben: die Technik in Form von High-Tech-Taschenrechnern, die so manchen PC alt aussehen lassen.

In den letzten Wochen hatte ich mal wieder mehrfach das „Vergnügen“, unserer Nachbarstochter spontane Nachhilfe in Mathematik geben zu dürfen. Es ging um Kurvendiskussionen, Gleichungssysteme und Wahrscheinlichkeitsrechnung, also durchaus nicht ganz trivial. Die meisten Dinge davon hatte ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt, und musste sie kurz nachlesen – da hilft eine gute Formelsammlung für Ingenieure. Schon nach wenigen Minuten war das Wissen wieder aufgefrischt und nach einigen Minuten mehr auch vermittelt. Nun noch schnell einige Übungsaufgaben aus dem Hut gezaubert und durchgerechnet, und…

Doch kaum sollte wirklich erwas gerechnet werden (ich betone das Wort „rechnen“, Sie werden gleich herausfinden, warum), geriet alles ins Stocken. Zu meinem Entsetzen folgte ein tranceartiger Griff zum Taschenrechner, und die einfachsten Dinge wurden wie selbstverständlich mittels Taschenrechner gelöst. Quadratische Gleichungen, bei deren Lösung mittels „p,q-Formel“ ein Zwischenergebnis wie „Wurzel aus 1/4“ nicht im Kopf gerechnet wurde (ergibt offensichtlich 1/2), sondern lieber mühsam in den Taschenrechner eingetippt wird. Ebenso einfache Bruchaddition und -multiplikation in der Wahrscheinlichkeitsrechnung (1/4 plus 3/8), sowie Einzelschritte der Polynomdivision bei der Kurvendiskussion.

Auf meine dreist eingeworfene Frage, wieviel denn 5% von jenem Wert dort wären (schließlich hatte ich erst vor einigen Monaten die Prozentrechnung ausführlich mit ihr geübt), bekam ich nur ein beschämtes Grinsen als Antwort, und die Hand zuckte instinktiv in Richtung Taschenrechner. Und als es dann letztendlich in den Bereich der Integralrechnung ging, fiel ich endgültig aus allen Wolken – dieser Taschenrechner kann von beliebigen Funktionen sowohl die Ableitung als auch die Stammfunktion berechnen! Voll symbolisch, mit Brüchen, automatischem Kürzen und Zusammenfassen, und sogar Nullstellen ermittelt er. Und der Vollständigheit halber zeigt er auch noch den Graphen der Funktion an – mit Zoom!

Warum soll sich da ein Schüler noch anstrengen? Der Rechenkasper erledigt schließlich die ganze Arbeit für ihn, und das, korrekte Eingabe vorausgesetzt, ohne Fehler. Dass dabei das Verständnis für die Zusammenhänge und Rechenwege verloren geht, schert die Schule einen Dreck. Was machen unsere Schüler bloß, wenn sie den Taschenrechner mal nicht dabei haben? Wahrscheinlich nur ein ziemlich doofes Gesicht…

©2008 Stefan Malz