Meinung: Firenze


Die Leute von Pegasus haben sich in den letzten Jahren mächtig entwickelt. Neben den tradionellen Rollenspiel-Produkten und Kartenspielen gibt es inzwischen sehr viele Familien- und Strategiespiele von guter bis überragender Qualität. Eines des neuesten Produkte ist »Firenze«, welches direkt bei Pegasus erschien und nicht wie manch anderes ihrer Spiele „nur“ ein Lizenzprodukt ist. Und sie haben sich in der Ausstattung nicht lumpen lassen!

Eine schöne große Schachtel mit genialer Illustration von Michael Menzel, dazu ein großer Spielplan, Spielertableaus, 60 Karten, 88 große verschiedenfarbige Holzsteine im robusten Stoffbeutel und noch einiges mehr.

Es geht in diesem Spiel darum, im Florenz des 12. bis 14. Jahrhunderts als Baumeister für einflussreiche Familien sogenannte „Geschlechtertürme“ zu errichten – auf Neudeutsch „Protzbauten“. Wer das am besten schafft, gewinnt das meiste Prestige und gewinnt. Um nun solche Türme bauen zu können, braucht man primär Baumaterial (= Bausteine), aber auch ein gutes Timing, hilfreiche Personen und Gebäude, und muss sich stets vor der Konkurrenz hüten. Auch die Kirche mischt sich manchmal ein.

Wesentliches Element ist eine Auslage von jeweils 6 Karten, die unterschiedliche Vor- oder Nachteile repräsentieren und gleichzeitig als Quelle für Baumaterial dienen. Jeder Spieler muss eine Karte wählen, wobei „neue“ Karten teurer sind als „alte“. Da gilt es, die passende Karte zur rechten Zeit und möglichst günstig zu nehmen – hoffentlich mit den gerade dringend benötigen Bausteinfarben darauf.

Durch diese Gleichzeitigkeit mehrerer Effekte (direkter Karteneffekt auf mich und/oder meine Mitspieler, erhalt bestimmter Bausteinfarben, Veränderung der Kosten der nachfolgenden Karten, etc.) ergibt sich ein sehr komplexes Entscheidungsgefüge, das den Reiz des Spiels ausmacht.

Die Anleitung ist dabei hervorragend aufgebaut und ermöglicht einen leichten Einstieg in ein Spiel, das im ersten Moment eher schlicht erscheint und erst im zweiten oder dritten Anlauf seine wahre spielerische Schönheit offenbart.

Trotz eines ersten Eindrucks der völligen Glücksabhängigkeit (zufällige Kartenauslage, zufälliges Ziehen der Turmbausteine, zufälliges Abdecken und Aufwerten von Aufträgen bei Spielbeginn) erkennt man schnell, dass die eigentliche Stärke in der oftmals subtilen, manchmal aber auch sehr direkten und bösen Interaktion liegt.

Der einzige kleine Wermutstropfen ist das teilweise etwas nervige Handling der Kartenauslage, welches verlangt, dass nach dem Weiterschieben der Karten nach jedem Zug eine neue Karte aufdeckt und mit 4 zufällig gezogenen Bausteinen aus dem Beutel bestückt wird. Insgesamt aber ein herrliches Hauen und Stechen unter einem zarten Mäntelchen der Idylle (man betrachte nur die Titelgrafik).

Wie immer von Vorteil: »Firenze« lässt sich wunderbar auch zu zweit spielen!

2–4 Spieler, Spieldauer 45-90 Minuten.

Fazit: Sehr schöne Interaktion mit etwas Gemeinheit, Handling kann nerven.

Stefan Malz, 12. Januar 2011 (#108)
 


Autor:
Andreas Steding

Illustration:
Michael Menzel

Verlag:
Pegasus

Erscheinungsjahr:
2010