Meinung: Hansa Teutonica


Es gibt Spiele, die sprechen mich sofort an, und solche, die mich erst mühsam von sich überzeugen müssen. »Hansa Teutonica« war eines der letzteren Sorte. Die Box wirkt im ersten Moment düster, das Spielmaterial ist sehr überschaubar, und die Anleitung erscheint unglaublich lang.

Doch schon nach dem ersten Spiel war der Reiz geweckt. Ein Spiel fast komplett ohne Glück (bis auf die Verteilung der Bonusmarker), mit einem sehr schnellen Aufbau (ein großer Vorteil des überschaubaren Spielmaterials) und unglaublich vielen Möglichkeiten ist genau das, was mir gefällt. Die vermeintlich lange Anleitung ist gut gemacht, enthält viele grafische Beispiele – und gleich noch die komplette englische Anleitung. Damit wirkt sie umfangreicher, als sie es letztendlich ist.

Das Spielablauf selbst besteht aus lediglich fünf verschiedenen, kleinen Aktionen, die sehr oft ausgeführt werden. Dadurch wirken sich minimale Änderungen am Verlauf schneeballartig auf den Spielverlauf aus. So verlaufen keine zwei Partien gleich.

Eigentlich werden immer nur Händler (kleine Holzklötzchen) auf Wegefelder gesetzt oder von dort verdrängt, bis man einen Weg alleinig kontrolliert und wertet. Durch den einfachen, aber genialen Verdrängungsmechanismus wird dabei niemand wirklich benachteiligt, und die Interaktion zwischen den Spielern erfolgt eigentlich immer so beiläufig, dass sich niemand direkt angegriffen fühlen muss.

Durch drei verschiedene Endekriterien kann die Spieldauer je nach Spielweise stark variieren. So kann es z.B. sinnvoll sein, einem Mitspieler gegen seinen Willen Siegpunkte zuzuschustern, nur um aufgrund der 20-Punkte-Regel das Spiel früher enden zu lassen, als ihm lieb ist.

Je öfter ich dieses Spiel spiele, um so mehr Spaß macht es mir. Es ist eine Freude, alle ersichtlichen Strategien gegen verschiedene Mitspieler auszuprobieren, und noch weitere zu suchen. Bei kaum einem anderen Spiel kommt das Spielende so oft „unpassend“ wie hier, und gerade das macht einen großen Teil der Spannung aus.

Etwas schade ist, dass »Hansa Teutonica« (wie viele andere Spiel auch) für das Spiel zu zweit zu einer Sonderregel greifen muss. Zumal mir diese konkrete Sonderregel gar nicht gefällt. Am besten spielt es sich deshalb zu viert oder zu fünft.

Voraussichtlich dieses Jahr in Essen wird eine Erweiterung erscheinen, die noch mehr Abwechslung ins Spiel bringen wird, ohne das Spielgefühl nennenswert zu ändern. Ich durfte sie schon testen und war sehr angetan.

2–5 Spieler, Spieldauer 45–90 Minuten.

Fazit: Sehr offenes Strategiespiel fast ohne Glück.

Stefan Malz, 27. August 2010 (#93)
 


Autor:
Andreas Steding

Illustration:
Dennis Lohausen

Verlag:
Argentum

Erscheinungsjahr:
2009